Zwei Jahre David gegen Goliath – eine Zwischenbilanz

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Seit fast drei Monaten: Ruhe vor dem Sturm. Denn ein Sturm, so viel ist sicher, wird losbrechen, wenn der Bescheid des Landes in erster Instanz Ja oder aber Nein zur geplanten 110-kV-Freileitung sagt. Eine Bewilligung wäre aus heutiger Sicht unverständlich. Zu erdrückend sind die Argumente, die gegen das Projekt der Energie AG und für die ökologische Lösung "Erdkabel" sprechen. Erbitterter Widerstand wäre absehbar. Andererseits: Ein "Stopp" von der Behörde wäre eine Sensation! Das österreichische Tabu, dass es zu 110-kV-Freileitungen keine echte Alternative geben darf, wäre damit durchbrochen.

Kann eine regionale Bürgerinitiative überhaupt gegen einen Millardenkonzern siegen? Ausgemacht ist noch nicht, wie die inzwischen knapp 2-jährige Auseinandersetzung ausgeht. Wer die Chronik dazu nachliest ("Archiv" in der rechten Spalte dieser Website), dem wird vor allem eines deutlich: An der Dampwalzen-Rhetorik "Die Freileitung kommt eh!" der Energie AG hat sich kaum etwas geändert. Doch womit diese Prophezeiung – vermeintlich! – begründet wird, das ist im Laufe dieser zwei Jahre immer fadenscheiniger geworden.

Mit abenteuerlichsten Halb- und Unwahrheiten (später teils als Missverständnisse erklärt) haben die Propagandisten des Stromkonzerns fast ein Jahr lang versucht, ein Erdkabel als technisch unmöglich darzustellen. Geglaubt haben das die Betroffenen nie. Erst das von uns geforderte und von Energielandesrat Rudi Anschober beauftragte Gutachten von Prof. Lothar Fickert (TU Graz) machte es "amtlich": Auch ein Erdkabel erfüllt die "Erfordernisse einer langfristigen, sicheren und effizienten Energieversorgung"!

Erdkabel: Kann alles, was die Freileitung kann – und ist bezahlbar
Auch eine weitere Behauptung der Energie AG wurde durch das Gutachten ins Reich der Fabel verwiesen: dass ein Erdkabel 57 Mio. Euro kosten muss – statt 17 Mio. für die Freileitung. Je nach Ausführung sind tatsächlich auch 30 Mio. Euro ausreichend. Unbestritten, das ist mehr als für die Freileitung, aber auf den Strompreis umgelegt, verursacht die Differenz beim Durchschnittskunden gerade einmal jährliche (!) Mehrkosten von 69 Cent. Und dass Erdkabel ein höheres Risiko von Stromausfällen mit sich bringen, kann auf der Basis zahlreicher Expertenaussagen für den konkreten Fall ebenfalls als "Gräuelpropaganda" gelten. Nicht zuletzt deshalb, weil die geplante Freileitung über stark sturmgefährdete Bergzüge führen würde, andererseits weil Erdkabel außerhalb von städtischen Räumen nur sehr selten bei Tiefbauarbeiten verletzt werden – sonst die einzig nennenswerte Achillesferse dieser Technik. 

Der größte Vorzug des Erdkabels wurde bei den teils turbulenten mündlichen Verhandlungen im Frühjahr deutlich: Die in vielen Fällen gravierenden und mitunter existenzgefährdenden Belastungen der betroffenen Grundbesitzer bzw. völlig rechtlosen Anrainer durch die Freileitung. Diese auch durch Entschädigungen nicht aufhebbaren Benachteiligungen würden nämlich durch eine Erdverkabelung komplett entfallen.

Die Zeit arbeitet für uns
Vieles hat sich in den letzten zwei Jahren getan. In mehreren europäischen Ländern, vor allem in Deutschland, Dänemark und der Schweiz, hat sich die Rechtslage dramatisch zugunsten der Erdverkabelung geändert. Auch in Österreich wächst quer durch die Parteien der Unmut über immer noch mehr mit Leitungen zugebaute Landschaften. In Kärnten etwa fordern der blaue Landeshauptmann und seine rote Umweltlandesrätin für unterschiedliche Projekte ein Erdkabel. Im direkten Gespräch mit heimischen PolitikerInnen erleben wir häufig nach vollständiger Informationen durchaus die Einsicht, dass unser Anliegen berechtigt (und realistisch!) ist. Und es beginnt auch aufzufallen, dass seit über einem Jahr von der Energie AG nur noch ein einziges Argument gebetsmühlenartig widerholt wird: Das Grazer Gutachten gebe der Freileitung "den Vorzug". 

Dass dies nur die halbe Wahrheit ist und dass sich unbestreitbar der ganze "Vorzug" in etwas weniger Investitionskosten und technischem Aufwand erschöpft, während Mensch und Natur über mindestens drei Generationen in schwere Mitleidenschaft gezogen werden – all das kehrt die Energie AG konsequent unter den Tisch. Doch die ganze Wahrheit sickert mehr und mehr in die Köpfe.

Das "Ach so...!" zur versorgungstechnisch vollwertigen und ökologischen Alternative Erdkabel spricht sich herum. Dieser Trend ist nicht umkehrbar. Und die Entschlossenheit, weder hier noch im Innviertel, in Salzburg oder Kärnten zum unnötigen letzten Opfer der Hochspannungsmasten-Verliebtheit hochbezahlter Manager und Techniker von Energiekonzernen zu werden – diese Entschlossenheit wächst mit jedem Tag.

 

Verfasst von 110kV ade am 27. Dezember 2011 - 18:51
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